Religionsunterricht an unseren Schulen – Geht’s noch?

Felicitas ist eine junge Religionslehrerin, die vor einem guten Jahr in ihren Beruf gestartet ist. Ich kenne sie gut. Sie ist eine lebensbejahende junge Frau, deren Augen glitzern, wenn sie von ihrem Beruf erzählt. Ich spürte das Feuer, als sie mir erklärte, dass sie den Kindern Religion so vermitteln will, dass sie es verstehen. „Jeder soll wissen, was glauben bedeutet“, war ihr Credo.

Ich machte gerade eine Pause in einem Café, in dem ich mir an der Theke einen Kaffee mit Butterhörnchen kaufte. Danach suchte ich einen Platz und entdeckte am Fenster Felicitas, die allein an einem Tisch saß und Hefte korrigierte. „Ist hier noch frei?“, fragte ich. Überrascht sah sie auf. Kurz huschte ein Lächeln über ihr Gesicht, das jedoch ganz schnell von einem Schatten der Traurigkeit hinweggefegt wurde. Diese Traurigkeit erschreckte mich, passte sie doch gar nicht zu Felicitas. Obwohl wir uns lange nicht gesehen hatten, gab sie sich wortkarg. Ihr Gesicht wirkte blass. Ich vermisste das Feuer in ihren Augen.

„Wie läuft der Religionsunterricht?“, fragte ich sie, während ich mich setzte. „Die Kinder werden dich lieben.“, vermutete ich. Felicitas seufzte auf. „Schön war’s“, stöhnte sie. „Das Gegenteil ist der Fall: Sie hassen mich.“ „Wie das?“ fragte ich erschrocken nach. „Ich hatte so viele Pläne, was ich anders machen werde, als die Religionslehrer, mit denen ich in meiner eigenen Jugend zu tun hatte. Keinen staubtrockenen Unterricht wollte ich machen, sondern einen, in dem man Glauben erleben kann.“ „Das hört sich doch gut an“, meinte ich und biss in mein Butterhörnchen. „Ja“, sagte sie. „In der Theorie. In der Praxis habe ich zwanzig, manchmal auch mehr Kinder in der Klasse sitzen, die überhaupt keine Lust auf Religionsunterricht haben. Es wäre ja noch zu ertragen, wenn sie einfach nicht mitmachen würden. Aber stattdessen stören sie, wo sie nur können. Sie springen von den Plätzen auf. Gehen, ohne zu fragen auf’s Klo, werfen mit Papierkügelchen und scheuen auch nicht davor zurück mich zu beleidigen.“ „Wie denn das?“, entsetze ich mich. „Ich mache beispielsweise eine Stunde zum Thema „Leid“ und bekomme von den Kindern zu hören, dass ich ja wohl das größte Leid sei, das ihnen jemals widerfahren sei.“ Sie schaut mich an und ich spüre, dass sie den Tränen nahe ist.

So verhält man sich nicht im Religionsunterricht

„Doch das ist längst nicht alles. Die Kinder kommen unaufgefordert zur Tafel, schubsen mich und stellen mir sogar das Bein.“ „Sag mal“, warf ich ein, „Von welcher Klasse reden wir hier eigentlich? Wie alt sind denn die Kinder?“ „Du wirst es nicht glauben,“ meinte sie. „Ich rede von Viertklässlern.“ „Was ist mit den Eltern?“ Felicitas warf mir einen unergründlichen Blick zu. „Die Eltern unterstützen dieses Verhalten. Wenn ich einem Kind, das sich in meiner Stunde geweigert hat, einen Text abzuschreiben, diesen Text als Hausaufgabe aufgebe, schreiben die Eltern unter den Text, dass ihr Kind den nicht abzuschreiben bräuchte. Außerdem könnte ich von den Kindern nicht verlangen, ein Gebet auswendig zu lernen. Religion sei doch so etwas wie Wellness.“  Mir fiel der Kaffeelöffel aus der Hand. „Wenn Kinder solche Eltern haben, Eltern, die ihr Kind in ihrer Ungezogenheit unterstützen, wundert es mich nicht, wenn du bei diesen Kindern keinen vernünftigen Religionsunterricht machen kannst.“ „Wem sagst du das. Natürlich würde ich mit den Kindern liebend gerne singen, oder mal Entspannungsübungen machen, aber erst wenn vernünftiger Unterricht möglich ist. Dazu gehört halt mal, dass Kinder ruhig sind, sich melden, nicht dazwischen schreien und vor allem nicht, einfach von den Plätzen aufspringen.“

Fundamentale Wahrheiten gehören zum Religionsunterricht

 Ich ergänzte. „Die zehn Gebote gehören klar zum Religionsunterricht, genauso wie das Vaterunser. Dass man solche fundamentalen Wahrheiten auch auswendig lernen muss, sollte eigentlich jedem klar sein.“ „Schade finde ich auch, dass Eltern nicht verstehen, dass es wichtig ist, dass Kinder Wissen über ihren eigenen Glauben lernen. Manche Eltern glauben, dass sich ihr Kind irgendwann selbst entscheiden soll und dass deshalb Religion nicht so wichtig sei. Aber das Kind wird sich niemals wirklich entscheiden können, wenn es nichts über den christlichen Glauben weiß.“ Felicitas schaut mich an. Wehmut ist in ihrem Blick. „Ich bin mit so viel Enthusiasmus gestartet und jetzt fühle ich mich nur ausgelaugt.“

Es tut mir weh, Felicitas so zu sehen. Solange Eltern glauben, dass Religion sehr viel unwichtiger als Mathematik ist, solange werden Religionslehrer wie Felicitas an verlorener Front kämpfen. Dabei ist es doch die Religion, die uns am Ende unseres Lebens hinüberträgt. Wer fragt dann noch nach Mathematik?

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