Den eigenen Tod überlebt – Nahtoderfahrung

Mit 48 Jahren erlitt ich eine Lungenembolie und war infolgedessen klinisch tot. Erst nach diesem Erlebnis war mir wirklich bewusst, dass ich sterblich bin. Es war ein unglaublicher Eingriff in meine Existenz. Das Schlimmste was man im Diesseits erleben kann. Trotzdem: Ich habe meinen eigenen Tod überlebt. Das ist auch ein Stück Gnade.

Obwohl es im Krankenhaus sicherlich sehr viele brisante Fälle gibt, ist eine Nahtoderfahrung offenbar etwas Besonderes. Auf meiner Station gab es eine Schwester, die es genau wissen wollte: „Wer an der Grenze zum Jenseits steht, kann meist erzählen wie es drüben aussieht“, meinte sie, „deshalb interessiert es mich, was Sie erlebt haben.“

Doch wer dem Tod von der Schippe springt, kann anschließend keine Bäume ausreißen.

Und was er außerdem nicht kann: Reden darüber schwingen, was er denn nun erlebt hat, direkt an der Schwelle, dort wo das Leben gegen die harte Wand des Todes knallt. Dort wo nichts mehr ist außer einem undurchdringlichen schwarzen Nichts, auf dem nur die eine Aufschrift prangt „Ende“.

Die Frage, die mir Schwester Elsa mehr als einmal stellte, zielte darauf ab, dass ich doch hinübergesehen hätte, über diese Wand, dass ich doch hineingeschaut hatte ins Jenseits mit seinen vielen Bildern, den leuchtenden Farben und den unglaublichen Eindrücken, die doch jeder, der schon mal an der Schwelle des Todes stand, unweigerlich mitbekommt. Und dass mein Verweilen dort an der Grenze die Pflicht nach sich zog bei meiner Rückkehr den Zurückgebliebenen von meiner Reise ins Jenseits zu erzählen.

Ihre Fragen drückten diese Empfindung aus. „Was“, so fragte sie mich wieder und immer wieder „haben Sie gesehen?“.

Krampfhaft versuchte ich mich zu erinnern. Was war da??? Dumpf dröhnte es in meinem Kopf. „Ein Lichtstrahl hinter einem langen Tunnel. Ein gleißend helles Licht.“, erinnerte mich Schwester Elsa.

Wie, was? Ein dunkler, langer Tunnel? Mag sein. Es war dunkel, sehr dunkel. So dunkel wie nichts zuvor. Aber da war auch das Nichts. So groß und umfassend, so überall und ohne Ende. Es war ein großes, breites Stück Garnichts. Dort wo das Leben zu Ende ist, dort wo es einfach nicht mehr weitergeht, dort wo das Niemandsland beginnt, dort liegt ein breiter Streifen. Der Todesstreifen. Er ist breit und unendlich hoch. Wer in diesem Streifen feststeckt, weiß nichts mehr, er ist befreit und beschwert gleichermaßen, er ist gefangen und losgelöst. Er hängt fest zwischen Vergangenheit und Zukunft, irgendwo im ewigen Jetzt. Er ist eingebunden in einem Hauch der Ewigkeit und kann doch nicht hinüber ins ewige Licht, der Zutritt ist ihm verwehrt, denn er muss zurück in die vergangene Vergänglichkeit irdischen Lebens.

Da stand ich nun mitten im Todesstreifen und steckte fest wie in einem wabbrigen  Watteemeer. Das schwarze allumfassende Nichts umgab mich wie ein undurchdringlicher Kokon. Nicht das kleinste Fensterchen erlaubte mir einen auch nur flüchtigen Blick in die Welt unserer Sehnsucht. Dort drüben da lag sie, nur ein winziges Stück von mir entfernt und doch vollkommen unerreichbar. Eine Welt so unfassbar schön, so unbeschreiblich anders, so unglaublich rein und unendlich heilig. Doch für mich nicht fassbar. Eisige Hände zerrten mich ins rabenschwarze Vergessen zurück. Sie zogen und schoben, sie drückten und pumpten solange bis ich irgendwann meinen Namen lallte und wieder im Gestern erwachte.

„Was haben Sie erlebt?“ Die Stimme von Schwester Elsa erreichte mich wieder.

„Nichts!“, antwortete ich einfach. Nur nichts.

Schwester Elsa ließ ab von mir. Die Enttäuschung war jedoch nicht zu übersehen. Sie glaubte mir nicht, dachte, ich wollte meine Erlebnisse mit niemanden teilen, sie einfach für mich behalten.

Wer dem Tod von der Schippe springt, will Antworten!

Doch in Wirklichkeit war alles sehr viel schwieriger. Denn als mir irgendwann endlich klar wurde, dass ich gestorben bin und wieder vom Tode zurückgekehrt, begannen in mir die Fragen.

So fragte ich mich: Warum gerade ich?

Weshalb sollte ausgerechnet jemand wie ich in letzter Sekunde gerettet werden? Weshalb wurde ich zurückgeholt, obwohl ich schon tot war?

Ausgerechnet ein unbedeutender Mensch wie ich?

Jesus ist auferstanden. Er ist gestorben und am dritten Tage auferstanden. Er ist Gottes Sohn. Dass Gott unsterblich ist, wissen die meisten Menschen, also ist es zwangsläufig logisch, dass sein Sohn aufersteht.

Doch ich bin ein Mensch. Weshalb kehre ich vom Tode zurück? Ich habe keinen Auftrag, im Gegenteil: ich blicke auf kein ertragreiches Leben zurück. Mein Leben war alles anderes als etwas Besonderes. Es war allenfalls durchschnittlich. Warum sollte ich weiterleben?

Es gibt genug Menschen, die ein Weiterleben mehr verdient haben, als ausgerechnet ich.

Wenn mich jetzt jemand für bescheiden hält, irrt er sich. Dass dem nicht so ist, wird in meiner nächsten Frage deutlich.

Warum hat mir Gott den Einblick ins Jenseits verwehrt? Diese Frage hat mich nach meiner „Wiederauferstehung“ ganz gehörig umgetrieben. Es gibt eine Menge Menschen, die ganz offensichtlich gesehen haben, wie es drüben zugeht. Das zeigt ja schon die Frage meiner Krankenschwester.

Ich lebe seit Jahren meine christliche Einstellung, glaube an Gott und an Jesus Christus. Trotzdem lässt er mich knallhart draußen stehen. Wirft mir die Türe zu, während ich am Tor zur Ewigkeit rüttle!

Im Augenblick meiner allergrößten Todesnot hat mich Gott vollkommen alleine gelassen. Ich habe mich niemals verlassener gefühlt, als gerade in diesem Moment. Auch als ich wieder zu mir kam, fühlte ich mich elendiglich alleine, absolut von Gott getrennt. Abgeschnitten von allem, was heilig ist. Leblos, innerlich und äußerlich, was sich auch auf die Verbundenheit mit Gott bezog. Die Göttliche Nabelschnur war durchtrennt, vollkommen abgeschnitten.

Als mein Denken zurückkehrte, erfüllt mich nur ein Gedanke: „Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen.“ Dieser Gedankensplitter drang bis in den äußersten Zipfel meines Herzens. Die Gottverlassenheit erfüllt mein gesamtes Inneres. Bis heute kann ich mir diesen Zustand nicht erklären. Allerdings finden sich Parallelen dazu im neuen Testament, und zwar genau in der Todesstunde Jesu. Selbst er fühlte sich genau in diesem Moment von Gott verlassen. Theologen interpretieren diese Situation oft so, dass Jesus diese Gottverlassenheit gespürt hätte, weil er unsere Sünden tragen musste. Doch vielleicht ist es einfach eine grundsätzliche Tatsache, dass Menschen, die sterben, eine Gottverlassenheit spüren. Möglicherweise einfach deshalb, weil der Tod etwas ist, das absolut nichts mit Gott zu tun hat. Denn Gott ist das Leben.

Dieser Gedanke kam mir in jener Situation nicht in den Sinn. Damals dachte ich nur: Warum ist mir Gott so weit weg? Warum hat er mir nicht die Gelegenheit gegeben, ein wenig vom Himmel zu sehen? Warum allen anderen? Warum nicht mir?

Die Antwort darauf hat sich für mich recht schnell ergeben: Gott wusste, wenn er mich in den Himmel hätte hineinschauen lassen, wäre er mich nicht mehr losgeworden.  Denn einmal Himmel, immer Himmel.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mit dem himmlischen Wissen wieder auf Erden leben könnte.

Da Gott weiß, wie furchtbar das für mich wäre, hat er mir erst gar nichts gezeigt.

Trotzdem hätte ich natürlich gerne… Wenigstens einen kleinen Blick… Neugierig wäre ich schon gewesen.

Dass ich jetzt sagen muss: „Ja ich bin gestorben“ und „nein, ich kann euch nichts erzählen. Denn wie es drüben aussieht, weiß ich trotzdem nicht“, das ist schon deprimierend.

Doch ganz so ist es auch nicht, denn es gibt schon Dinge, die sich ändern, wenn einen der Tod geküsst hat!

Wer dem Tod von der Schippe springt, hat eine neue Vorstellung von Zeit

Auf einmal bekommt Zeit eine andere Bedeutung. Wer klinisch tot war, ist herausgefallen aus der Zeit dieser Welt. Für ein paar Augenblicke verweilte ich in der Ewigkeit, oder zumindest in der Vorstufe dazu. Dort gilt eine andere Zeitrechnung und diese andere Zeitrechnung habe ich seither in mir gespeichert. Ich weiß nun, dass Stunden, Tage, Monate und Jahre wie Staub in der Wüste sind. Es ist genug davon vorhanden und unser Leben für diese Zeit nicht von Bedeutung. Zeit ist der Wimpernschlag der Ewigkeit. Angesichts dieser Ewigkeit scheint es vollkommen unsinnig, unter Termindruck und dem ständigen Ausverkauf der Zeit zu leiden.

Dieses Wissen hat in mir so viel Raum eingenommen, dass es mir zunehmend leichter fällt, mich selbst aus dieser Zeit auszuklinken und in zeitloser Meditation zu versinken. Ich spüre wie ich mich in einer anderen Stratosphäre befinde, wie sich mein Geist in einer Zwischendimension bewegt, in der er schwebend außerhalb von Vergangenheit und Zukunft nur in der Gegenwart einen kleinen Splitter der Ewigkeit festhält.  In dieser Dimension ist mein Geist frei, sich der Größe und Allmacht Gottes zu nähern, er ist frei, diesen großen Gott anzubeten und sich vor seiner Majestät zu beugen.

Wer jung ist, hat erfahrungsgemäß immerzu wenig Zeit. Jetzt da ich älter werde, stelle ich fest, dass Zeit immer mehr zu einem relativen Begriff verschwimmt.

Doch infolge meiner Todeserfahrung hat Zeit noch einmal eine völlig andere Dimension angenommen. Mir ist klar geworden, dass jeder einzelne Tag, den ich erlebe, ein Tag ist, aus dem ich etwas machen kann, oder auch nicht. Es ist ein Angebot. Trotzdem muss ich dieses Angebot nicht unbedingt umsetzen, denn die Zeit ist ewig.  Ich muss nicht über den morgigen Tag nachdenken, es geht um den heutigen. Egal, was ich tue, es geht immer um den jeweiligen Augenblick und nicht über das was sein wird.

Jeder Tag ist eine Perle, im Zeitgefüge der Ewigkeit, ob daraus eine wunderschöne Kette wird, hängt davon ab, ob wir die einzelne  Perle bearbeitet haben, oder nicht.

Doch muss diese Kette nicht zwangsläufig lauter gleiche Perlen aufweisen. Wenn wir merken, dass sich die Form unserer Perlen ändern sollte, warum nicht.

Anders herum gesagt: Ich bin mutiger geworden, was Veränderungen angeht. Man mag denken Veränderungen sind ein Vorrecht der Jugend. Doch das ist ein Irrtum. Veränderungen sind in jedem Lebensalter angebracht. Im Alter ergeben sie sich oft genug von selbst, weil ein lieber Mensch stirbt, von schwerer Krankheit betroffen ist, oder ein Kind auszieht. Trotzdem gibt es auch Veränderungen, die wir herbeiführen können.

Auch ältere Menschen können ihr Leben neu einrichten. Das Lebensalter ist kein Grund, sich nicht mehr zu verändern.

Jeder Mensch ist der eigene Regisseur seiner Lebensplanung. Wer sein Leben umkrempeln will, soll es tun und sich auf neue Überraschungen freuen.

Mir ist durch meine Todeserfahrung klar geworden, eine größere Veränderung als den Tod gibt es nicht. Darum sind Veränderungen jederzeit möglich.

Wir sind auch nicht gezwungen, einen schwierigen Weg durchzuhalten. Wir können ihn jederzeit aufgeben, uns neu orientieren und einen anderen Weg nehmen.

Nicht jeder schwierige Weg ist eine Prüfung, die uns auferlegt wurde. Manchmal sind es einfach unglückselige Verknüpfungen, die auch wieder aufgeknüpft werden können. Oft erfordert das Mut. Mir ist klar geworden, dass Gott von uns nicht verlangt, einen bestimmten Weg weiterzugehen, wenn dieser Weg an den Rand unserer Kräfte führt. Auch dann nicht, wenn wir den gewählten Weg einmal mit dem Segen Gottes angefangen haben. Wir können zu jeder Zeit, einen neuen Weg wählen.

Mit unseren Lebensumständen verfahren wir oft genug genauso wie mit unserer Zeit: wir nehmen sie viel zu ernst.

Inzwischen habe ich meinen eigenen Tod schon einige Jahre überlebt. Trotzdem denke ich nicht gerne über den Tod nach. Er ist zu endgültig. Alles in mir schreit: Ich will doch noch leben.

Eigentlich entbehrt dieses Denken jeglicher Vernunft. Ich werde immer älter und damit irgendwann hinfällig. Dieser Tatsache muss ich mich stellen. Der Schlusspunkt wird kommen, auch wenn ich mich noch so sehr dagegen wehre.

Dann liegt das Diesseitige des Todes hinter mir und das Jenseitige beginnt. Ich bin mir sicher, dass dieses Jenseits Realität ist. Es gibt nicht nur einen Gott, sondern auch einen, der uns Menschen liebt. Deshalb hat er seinen Sohn zu uns geschickt. Jesus hat uns vom Vater erzählt. In der Bibel wird davon berichtet. Ich glaube an diesen Gott und ich weiß, dass es ein ewiges Leben für mich geben wird. Eigentlich freue ich mich darauf. Immer wenn ich mir diese Gewissheit bewusst mache, spüre ich diese Vorfreude. Mit dem Tod ist es nicht zu Ende. Ganz im Gegenteil: Dann beginnt das eigentliche Leben erst. Weil ich das weiß, muss ich auch keine Angst vor dem Alter haben, sondern kann es sinnvoll nutzen und bewusst erleben. Das Alter muss kein Dahinsiechen vor dem Tode sein. Das Alter kann ein Lebensabschnitt werden, der genauso wie jeder andere Lebensabschnitt mit sinnvoll verbrachter Zeit angefüllt ist.

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